![]() |
|---|
‘Ich will wieder nach Hause! Ich will wieder nach Hause! Ich will wieder nach Hause!’ kreiste es in meinem Kopf, als wir die Reisekoffer in unserer zwei-Zimmer-plus-Klo-und-Waschbecken-Wohnung abstellten, und Laura mich ebenso ratlos ansah wie ich sie. Hatte der halbnackte Franzose in der Küche nicht eben noch gesagt: "Ihr werdet es hier lieben!" Wie konnte man einen heruntergekommenen endsozialistischen Plattenbau lieben? Noch dazu, wenn er sich auf einem Hügel abseits der Stadt befand und von allen nur Kamschatka genannt wurde? Aber was uns noch mehr verwirrte als das, war die Frage: Wie konnten wir jemals freiwillig nach Litauen gehen? Nach einer Flasche Eierlikör und der Entscheidung, gemeinsam nur das größere der beiden Zimmer zu beziehen, sah die ganze Sache nur noch halb so schlimm aus. Leicht schwankend schoben wir das spärliche Mobiliar unseres Zimmer hin und her, bis uns die Positionen der Betten, zweier kleiner Schränke und eines Regals akzeptabel erschienen. Während sie mißbilligend von ihrem Bett aus auf die kahlen Wände starrte, meinte Laura jedoch, es sähe nicht einladender aus als vorher. "Das kriegen wir schon hin.", versuchte ich, sie versöhnlich zu stimmen. "Ich sehe mehrere Poster, ein paar Topfpflanzen und... muss aufs Klo." "Ich auch.", grummelte Laura. "Du zuerst. Ich komm' nicht hoch.", kicherte ich vom Eierlikör beseelt. Nach ein paar Minuten steckte Laura den Kopf zur Tür herein. "Das Klo ist kaputt." "Wirklich?" Ernüchtert und mit doppelt starkem Blasendruck erhob ich mich vom Bett, um kurz darauf in ein rostig rotes Toilettenbecken zu starren und skeptisch den Spülknopf zu betätigen. Das Klo antwortete mit einem ersterbenden Röcheln. Und was heißt 'Die Toilette ist kaputt.' auf Litauisch? Ich gebe zu, es ist verrückt, wenn man fünf Monate in einem Land zu verbringen beabsichtigt, dessen Sprache man nicht spricht. Doch wenn wir uns schon auf ein Abenteuer einließen, dann sollte es auch richtig abenteuerlich werden. Fraglich war nur, warum das Abenteuer schon so früh beginnen musste. Im Geiste dankte ich meiner wenig geliebten Russischlehrerin für ein paar Worte, die bis in mein Langzeitgedächtnis vorgedrungen und dort über mehrere Jahre haften geblieben waren. Für die Anfangszeit mussten diese als Notbehelf genügen. Leicht debil "Unsere Toilette arbeitet nicht." vor mich hin murmelnd, stieg ich also die Treppe zur Eingangshalle hinunter. "Entschuldigen Sie bitte! Sprechen Sie Russisch?" hallte meine Stimme unsicher der weißhaarigen Oma entgegen, die in unserem Wohnheim die Concierge spielte und fernsehend auf einer abgewetzten Couch saß. Sie drehte den Apparat leiser. "Sprechen Sie Russisch?", fragte ich wieder. "Ein wenig.", antwortete sie. Froh, dass ich nicht wie bei unserer Ankunft mit einem unverständlichen litauischen Wortschwall überschüttet wurde, radebrechte ich: "Unsere Toilette arbeitet nicht. Kein Wasser." und sah sie hilfesuchend an, worauf sie mich am Oberarm packte und hinter sich her zu unserem Zimmer zog. Dabei begoß sie mich doch wieder mit einem litauischen Redeschwall, so dass ich mich schließlich wie der sprichwörtliche Pudel fühlte und nur noch zurück nach Hause wollte. Während die Oma in unserer Klobecken starrte, ihre grauen Locken schüttelte und vergeblich den Spülknopf betätigte, stieg mein Blasendruck ins Unermessliche. Endlich sprach sie mehrere Sätze in aufmunterndem Ton, aus denen wir entnehmen konnten, dass der Mechaniker am nächsten Morgen um acht kommen würde, und verschwand mit einem überzeugten "Alles wird gut." wieder zu ihrem Fernseher. Laura kehrte demonstrativ die Augen zur Decke, als sich die Tür hinter der Dauerwelle geschlossen hatte. "Ist doch super!", frohlockte ich gespielt. "Morgen um acht kommt der Mechaniker. Alles wird gut." Plötzlich lachten wir uns einen Anflug von Verzweiflung vom Herzen, wobei mir immer unangenehmer bewußt wurde, dass meiner Blase der Zustand unseres Klos völlig egal war. Zum Glück gehörte ein Mülleimer zur Standardeinrichtung. Ihn würden wir für die kommende Nacht als Spüleimer mißbrauchen. Der Wasserhahn funktionierte immerhin. Welch ein Glück! |
| Copyright © 2004-2005 Corinna Hein |