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Pünktlich um acht donnerte am nächsten Morgen eine schwere Männerfaust, an welcher der zuständige Wohnheimmechaniker hing, an unsere Wohnungstür. Nachdem er sich eine halbe Stunde laut pfeifend und klopfend an unserer Toilette zu schaffen gemacht hatte, war tatsächlich das vertraute Rauschen einer funktionierenden Wasserspülung zu hören. Als es erneut an unserer Tür pochte, stand Roberto aus Italien davor. Er war etwa zur selben Zeit wie wir angekommen und hatte sich das Taxi mit uns geteilt. An seinem Arm befand sich eine Spanierin namens Margherita, die tags zuvor das Zimmer neben dem seinen bezogen haben sollte. Auf seinem gebräunten Gesicht lag das typisch italienisches Sunnyboygrinsen. Margherita wolle ihm den Supermarkt zeigen, meinte er, aber drei Mädchen wären besser als eines und vielleicht hätten wir Lust mitzukommen. Natürlich waren wir ihm dankbarer für die Führung durch Vilnius als für die Eingemeindung in seinen Harem. Also schulterten wir kurzerhand unsere Rucksäcke und folgten den beiden in den Flur hinaus, wo wir auf zwei weitere Südländerinnen trafen, die sich als die Portugiesinnen Angela und Maria zu erkennen gaben. Als diese von unserem Einkaufsausflug hörten, schlossen sie sich uns sofort an. Und so kam es, dass wir bereits als auffällige Exotentruppe unterwegs waren, die von den Litauern nicht weniger bestaunt wurde, als dass wir sie bestaunten - aus den Augenwinkeln natürlich und vor allem dort, wo sie die Fußwege mit provisorischen Ständen aus Gemüsekisten säumten, um Obst, Gemüse und Blumen - die Ausbeute ihrer Schrebergärten – feilzubieten. Bepackt mit allerlei Essbarem aus einem nahegelegenen Supermarkt mit dem putzigen Namen „Iki“ trafen wir am Nachmittag wieder im Wohnheim ein. Jetzt stellte sich heraus, dass es ein schwerer Fehler gewesen war, vor dem Einkauf die schmuddelige Gemeinschaftsküche nicht genauer in Augenschein genommen zu haben. Abgesehen von zwei ebenso riesigen wie bakterienverseuchten Kühlschränken, zwei Gasherden, von denen nur einer funktionierte, Schränken, deren gelbe Farbe man unter einer Dreckschicht lediglich erahnen konnte und einer Spüle war nichts, aber auch gar nichts darüber hinaus vorhanden. Das machte es schwierig, den größeren Teil der mitgebrachten Naturalien ihrer Bestimmung zuzuführen. "Each floor has a common kitchen." zitierte Laura sarkastisch die Werbebroschüre der Uni. "Naja, das heißt nicht, dass in der Küche auch was drin sein muss." setzte ich hinzu. Maria und Roberto machten lange Gesichter. Angela beschwerte sich, weil ich nicht Englisch gesprochen und sie somit nichts verstanden hatte. Abgesehen davon ergaben wir uns dem Gedanken, an diesem Tag ohne Geschirr und Besteck auszukommen. "Ich kann meinen Koffer nicht auspacken." meinte ich zu Laura, nachdem besagtes Gepäckstück unter der Last meiner grimmigen Blicke vor Kummerfalten schon ganz zerknautscht aussah. "Das würde heißen, ich bleib' hier." "Bleibst Du ja auch." antwortete sie und ging hinaus in den Flur, um ein künstliche Aromen verbreitendes Stück Seife auf dem Waschbeckenrand zu drapieren. Musste sie immer so recht haben? Wenn ich doch wenigstens meinen Computer hätte, dachte ich. Dann könnte ich ein paar E-mails schreiben, und die zu Hause wüssten, was ich durchstehen muss. Ein bisschen Mitleid hielt ich für durchaus angebracht. Mein schwerarbeitender Süßer hatte mir noch vor ein paar Tagen aufmunternd versichert, es würde eine tolle Zeit werden fernab vom deutschen Unitrott. Da ich auf Mitleid nicht hoffen konnte, versenkte ich mich eben in Selbstmitleid. Gestern hatte er noch seine Arme um mich gelegt und heute war er unerreichbar fern. Elend! Ich hing immer noch meinen Gedanken nach, als Laura mit den Worten "Die Klospülung funktioniert schon wieder nicht." im Türrahmen erschien. "Nein." sagte ich. "Doch." entgegnete sie und ließ Wasser in den Mülleimer. An diesem Abend saß ein rotblondes Omchen in der Eingangshalle vor dem kleinen Fernseher, und hatte ihn noch lauter gestellt, als die Oma vom Vortag. "Entschuldigen Sie bitte, unsere Toilette arbeitet nicht." sagte ich mit viel Stimmvolumen. Was auf Russisch "wieder" hieß, wollte mir nicht einfallen, und meine Litauischkenntnisse hatten bisher nicht zugenommen. "Unsere Toilette arbeitet nicht. Zimmer 19." Die Oma war gut informiert und meinte in etwa, dass dieses unmöglich wäre, weil der Mechaniker am Morgen da gewesen war. "Ja, aber...." Ich starrte wie gebannt auf ihre Goldzähne und plötzlich legte sich ein längst vergessenes Gesicht wie ein Schleier über das Goldzahnblinken der Eingangshallenoma. „Josephine,“ hörte ich meine alte Russischlehrerin wie sie mich vor der ganzen Klasse abkanzelte, „du hast wieder nicht gelernt. Ich glaube, ich muss einmal mit deinen Eltern reden.“ Das wäre die Stelle gewesen, an der ich am liebsten vor Scham im Boden versunken wäre und gleichzeitig einen Heidenschreck bekommen hätte, doch schnell blinzelte ich die akkurat gelegte Dauerwelle mit den darunter befindlichen Unmutsfalten sowie dem funkelnden Goldzahn fort, und – oh, Wunder! - da kam mit einem Mal mein Russisch zurück. "Der Mechaniker war da heute morgen, aber jetzt arbeitet die Toilette wieder nicht. Sie hat kein Wasser.", sprudelte es aus mir heraus. Offensichtlich war diese Oma von einer ruhigeren Art und glaubte mir, ohne meinen Arm zu zerquetschen oder mich durch das Wohnheim zu zerren. Sie kritzelte etwas auf ein Stück Papier und ließ dabei ihre Zähne blitzen: "Der Mechaniker kommt morgen um acht. Keine Sorge. Alles wird gut." Wie ich das liebte! Gerade wollte ich Laura die freudige Nachricht vom neuerlichen Handwerkerbesuch überbringen, als mir auf dem Weg zu unserem Zimmer jemand in der Küche ins Auge fiel. Ein Mädchen saß am Tisch und stocherte mit grüblerischer Mine in einem Berg Spaghetti herum. Dem Besitz von Messer und Gabel zur Folge, musste sie sich schon länger im Wohnheim aufhalten. Sie aß sogar von richtigem Geschirr. "Hi, ich bin Josephine!" grüßte ich - automatisch Englisch benutzend. Wenige Minuten später kannte ich Ann und wusste alles über ihre Woche in Vilnius, die karge Ausstattung ihres Zimmers, die Stadt und nützliche Überlebensstrategien. Die obligatorische Frage nach der Herkunft fordert allerdings noch erstaunlichere Tatsachen zu Tage. „Hey, Du bist aus Deutschland.“, rief sie plötzlich überrascht. „Ich wohne in Berlin. Und eigentlich heiße ich Annette." "Berlin? Das ist ja nur eine Stunde von mir entfernt, praktisch nebenan!" entfuhr es mir ungläubig. "Wie bei Karl May! Da müssen auch erst alle ins Ausland fahren, um ihre nächsten Nachbarn zu treffen." tönte es von der Tür her. "Hi! Ich bin Caroline, aber alle nennen mich Caro." "Ich bin Josephine, aber alle nennen mich Josie. Und das ist Annette." stellte ich uns mit einem Augenzwinkern vor. "Wir haben gerade angefangen, Blutsbrüderschaft zu schließen." Ich dachte daran, wie ich Laura in jüngeren Jahren mit langen inbrünstig vorgetragenen Winnetou-Rezitationen genervt hatte. „Winnetou oder Old Shatterhand-Fan?“ kam es vom Caro. „Eigentlich stand ich mehr auf Lex Barker als auf Old Shatterhand, glaube ich.“ "Boah! Aber Piere Briece in Winnetou... Das war der Hammer! Ich hab' ja sooo geheult!" In völligem Gegensatz zu ihrer letzten Aussage strahlte sie übers ganze Gesicht und nahm uns beide damit sofort für sich ein. Einladend rückte Annette einen Stuhl zurecht und Caro gesellte sich zu unserer Küchenrunde dazu. "Hey, wo bleibst du denn?", tönte Lauras Stimme von Flur. Annette öffnete leicht den Mund, doch Caro kam ihr zu vor: "Ich dachte, Helen und ich wären die einzigen Deutschen hier. Wie viele gibt's denn noch?" Nachdem Laura den vierten Stuhl besetzt hatte und geklärt war, dass Helen die Kommilitonin von Caro und Zimmernachbarin von Annette war, musste ich die Klogeschichte zum besten geben. Sie hatte uns schließlich in der Küche zusammengeführt. Wie sich dann herausstellte, wäre eine Mechanikerhand auch in anderen Wohnungen hilfreich: Annettes Waschbecken entging bisher seiner Bestimmung wegen akuten Wassermangels, wohingegen Caros Klo durch unablässiges Rauschen auffiel. Und obwohl sämtliche Oberflächen in der Küche vor Schmutz und Fett nur so strotzten, im Kühlschrank Schimmelpilzkulturen zu Forschungszwecken angelegt zu sein schienen, die Fliesen in den Duschräumen, rostrot eingefärbt und der dunkelrote Flurteppich voller noch dunkelroterer Flecken war, kamen wir letztendlich überein, dass am Ende alles gut werden würde. Das war jedoch bevor wir feststellen mussten, dass die Klinke unserer Wohnungstür als Türöffner völlig versagte und der Schlüssel von innen im Schloss steckte. |
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