Grand Canyon, USA
Da wir uns gerade in Las Vegas aufhalten und der Grand Canyon von hier nur eine knappe Flugstunde entfernt ist, haben wir einen Ausflug in diesen beliebten Nationalpark eingeplant. Wohl kaum jemandem ist die zerklüftete Landschaft, die der Colorado in 600 Millionen Jahren in die Felsen geschnitten hat, nicht mindestens vom Hörensagen bekannt.
Daher bieten die Tourbüros entlang des Las Vegas Boulevard auch verschiedenste Ausflüge nach Arizona zum Grand Canyon an. Angefangen vom Helicopter- oder Flugzeugrundflug mit nur Fliegen, über Helicopter- oder Flugzeugflug mit Landung, woran sich wiederum Bustouren am Canyon entlang anschließen können, bis zu kombinierten Touren, die als Höhepunkt eine Landung auf der einzigen Farm im Canyon oder eine Bustour durch den Canyon oder eine Bootstour auf dem Colorado River oder alles zusammen beinhalten. Es gibt sogar einige wenige Übernachtungsmöglichkeiten im Canyon, welche im Sommer meistens ausgebucht sind. Die Möglichkeiten sind folglich so vielfältig wie die Preise.

Wir sammeln die Prospekte und entschließen uns nach einem Nachmittag Bedenkzeit zu einer kombinierten Flugzeug-Bus-Tour ins Hualapi-Reservat, die es in der Nebensaison für 129 Dollar angeboten werden.

In der Hauptsaison bezahlt man dafür 60 Dollar mehr. Und von Ausflugsbüro zu Ausflugsbüro variieren die Preise ebenfalls.Am Morgen des 9. November schlüpfen wir in warme Sachen, denn noch am Vortag soll am Grand Canyon Schnee gelegen haben. Alle Flüge waren abgesagt worden. Ein Bus steckte stundenlang im Schnee fest. Wir richten uns folglich auf wetterliche Unbill ein.

Pünktlich um acht holt uns ein Bus ab, der uns zum Flugplatz der King Airlines fährt. Dort bezahlen wir die Differenz zwischen der gestern geleisteten Anzahlung und dem Reisepreis. Dann wird uns ein Pilot zugeteilt, der uns übers Rollfeld zu unserem Flugzeug bringt. Nach einigen Minuten schon erheben wir uns zusammen mit dem Piloten und einem anderen Pärchen in einer für 5 Passagiere ausgelegten Maschine in die Luft.

Wir fliegen tief und haben Dank des wolkenfreien Himmels einen sehr guten Blick auf den Lake Mead und den Hoover Staudamm. Der Pilot weist uns auf bestimmte Felsformationen hin, eine davon ähnelt einem Tempel. Dann überfliegen wir eine scheinbar endlose Ebene. Ich sehe nichts als steppenhafte Weite unter uns; eine sehr karge Landschaft, gelegentlich durchschnitten von schnurgeraden Straßen.

Doch plötzlich tut sich eine gähnende Schlucht vor uns auf. Wir haben den Grand Canyon erreicht. 11 Tage soll man mit einem Paddelboot brauchen, um den Canyon der Länge nach zu durchqueren, fünf Tage mit einem Auto. Die Talseiten liegen hier eng beieinander, doch weiter nördlich klafft der Spalt nach Angaben unserer Begleit-CD, die über Kopfhörer eingespielt wird, bis zu 29 km weit auseinander.

Mal schmutzig braun, mal dunkelgrün windet sich der Colorado in seinem Bett durch die Felsen. Die Sonne lässt die Gesteinsschichten in Rot, Gelb- und Grüntönen leuchten. Vereinzelt schmiegen sich krüppelige zerzauste Bäumchen an die steilen Felswände. Ich verspüre große Hochachtung vor der wilden Schönheit dieser Landschaft. Schließlich landen wir auf dem Flugplatzes des Reservats der Hualapi-Indianer in der Nähe dieses Naturphänomens. Es herrscht strahlender Sonnenschein. Von Schnee ist keine Spur. Mein Onkel zieht mich mit meinem dicken Wintermantel auf. Daher stopfe ich diesen in meinen Rucksack, den Onkelchen als Kavalier fortan schleppen darf.

Der Hualapi-Airport besteht aus nur einer Landebahn, mehreren Helikopterlandeflächen und einem flachen Häuschen mit dem obligatorischen Souvenirshop sowie einem Imbiss. Hier im Souvenirshop sind die Karten, Broschüren, T-Shirts etc. noch teurer als in Las Vegas.

Ein Bus nimmt uns auf; der Fahrer – ein Indianer mit rot-weißem Federkopfschmuck, Jeans und kariertem Flanelloberhemd sieht irgendwie merkwürdig aus. Wir fahren zu einem Aussichtspunkt, Adlerformation genannt. Hier planen die Indianer bis Ende 2005 einen „Skywalk“ zu bauen – einen gläsernen Weg, der in einem Halbbogen bis zur Mitte der Schlucht und zurück zum Canyonrand führen soll. Bisher genießen wir den Ausblick über und den Einblick in den Canyon nur vom Rand aus. Allein die vielen unbekannten Pflanzen, die niedrigen Sträucher und die Mächtigkeit der Felsen geben unseren Augen und dem Fotoapparat keine Ruhe. Es gibt keine Zäune oder andere Begrenzungen. Mir wird leicht mulmig, als ich meinen Kopf vorsichtig über den Rand der Schlucht schiebe. Ein paar cm weiter und es geht mehr als hundert Meter abwärts. Alle 15 Minuten fährt ein Bus. Wir nehmen den zweiten und fahren weiter zu unserem zweiten Aussichtspunkt am Guano-Point und dem versprochenen indianischen Barbecue.

Wie in einer Mensa fühle ich mich, als wir an den Essenskübeln mit Reis, einer Art Gulasch, Gemüse, Mais und Fladenbrot sowie einem Getränkeabschnitt vorbeischlängeln und unsere Tabletts füllen. Das beklemmende Massentourismusgefühl weicht erst wieder beim Anblick der grandiosen Natur, während wir hastig das Essen hinunterschlingen und die anderen Leute an den hölzernen Picknicktischen ignorieren.

Eine große schwarzglänzende Krähe posiert auf einem Baumüberrest am Abgrund und starrt mich herausfordernd an. Ich unterbreche meine Mahlzeit und pirsche mich vorsichtig näher. Sie dreht ihren Kopf zur Seite; schielt genau in meine Kamera - Klick! Ich hab' sie.

Von meinem Teller fehlt das Fleisch, als ich auf die Holzbank zurückkehre. Mein Onkel reibt sich zufrieden den Bauch. Wir entsorgen unser Plastikgeschirr und kraxeln einen schmalen Pfad entlang, der auf einen Hügel führt, von dem aus bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein die Seilbahn hinüber auf die andere Canyonseite ging. Dort baute man in einer Höhle Fledermauskot (Guano) ab. Ein Amerikaner neben mir behauptet, den Eingang zur Höhle erkennen zu können.
Auf meinen verwirrten Blick hin, deutet er mit dem ausgestreckten Arm und seinem Finger irgendwo auf den gegenüberliegenden Felsen und sieht mich erwartungsvoll an. Noch immer sehe ich nichts. Er tritt hinter mich und dreht meinen Kopf in die richtige Blickrichtung. Nichts. Als auch noch seine Frau in aller Liebenswürdigkeit anfängt, mir die Richtung zu weisen, beschließe ich so zu tun, als hätte ich etwas gesehen. Vielleicht sind meine Brillengläser nicht mehr optimal oder zu betatscht oder es liegt an der Sonne, die mich pausenlos nur daran denken lässt, wie warm mir in meinem Pullover ist. Das Ehepaar ist erleichtert und kraxelt weiter den Hügel zur Seilbahnstation hinauf. Ich lasse sie vorausgehen und fotografiere statt dessen einen western-mäßigen runden Busch, der sich in einer Pfütze spiegelt. Die Möglichkeit, dass hier gestern Schnee lag, scheint bestätigt.
Erschrocken stellen wir fest, dass die Zeit drängt. Nach zwei Stunden sollen wir zurück auf dem Flugplatz sein. Wir erklimmen den Hügel, schießen noch mehr Fotos. Alles erscheint uns festhaltenswert und doch wissen wir, dass wir die Atmosphäre des Augenblicks nicht einfangen können. Die Seilbahnstation hinter uns lassend, kehren wir zur „Mensa“-Hütte zurück. An der Bushaltestelle haben Indianerfrauen grobe Holztische aufgereiht und verkaufen Schmuck, der aus Mineralien gemacht sein sollte, die vom Grand Canyon stammen. Metallisch glänzende Hämatit-Adler liegen neben Herzen und Schmetterlingen aus Quarz. Ein wenig abseits grasen drei Hornschafe, auf die uns auch der Busfahrer aufmerksam macht, als wir einsteigen. Neben den Krähen sind das die einzigen Tiere, die mir aufgefallen sind.
Unser Pilot hat es nicht eilig, als wir ihn am Bus treffen. Er beweist ein künstlerisches Auge, als er uns rät, jetzt Fotos vom Flugzeug zu machen, da der Hintergrund auf dem Flughafen nicht so schön sei. Dann klettern wir wieder auf unsere Sitze. Mein Onkel darf mir den Mantel zurück geben, denn in der Luft wird es empfindlich kälter. Jedenfalls scheint es mir persönlich so, doch das amerikanische Pärchen trägt schon von Beginn an nichts anderes als T-Shirts. Noch einmal erheben wir uns über den Grand Canyon. Ich erkenne nun die Adlerformation und den Guano Point, aber ich bedauere ein wenig, nicht mehr Zeit gehabt zu haben, um diese ungewöhnliche Landschaft zu genießen. Nach knapp einer Stunde landen wir wieder in Las Vegas mit der Gewissheit, dass diese sieben Ausflugsstunden schöner waren als die ganze restliche Zeit in Sin City zusammengenommen.
 
  veröffentlicht auf ciao.com, 2004
Copyright © 2004 Corinna Hein